15. November 2003 - Straubinger Tagblatt

Rittersäle, Kirchen und weißblaue Rauten

Straubinger Reisegruppe fühlte sich in den Niederlanden fast wie daheim Auf den Spuren des Herzogtums Straubing-Holland in den Niederlanden:
Vor 650 Jahren wurde das Herzogtum Straubing-Holland begründet. Aus diesem Anlass boten Stadtarchiv und Volkshochschule einige Exkursionen auf den Spuren dieses Herzogtums in Niederbayern an. Den Abschluss bildete nun eine Reise in die Niederlande, in die ehemalige Grafschaft Holland. 33 Straubinger, Landshuter und sogar ein Münchner machten sich auf den Weg, um zusammen mit Stadtarchivarin Dr. Dorit-Maria Krenn, Oberstudiendirektor Werner Schäfer und Pater Theo Vreeswijk vom Karmelitenkloster, einem gebürtigen Den Haager, eine Woche lang der spannenden Geschichte der Herzöge von Straubing-Holland nachzuspüren.
Gelungen war schon die Ankunft in Delft: Nach einigen spannenden Wendemanövern in den engen Gassen kam der Bus überraschend unter dem Wappen der Herzöge von Straubing-Holland, angebracht am Deichgrafenamt, zum Parken. Heimatliche Gefühle rief am nächsten Morgen auch die Alte Kirche mit ihrem fünfspitzigen Turm hervor. Beim Herrschaftsantritt Herzogs Albrechts I. von Straubing-Holland leistete die Stadt Delft heftigen Widerstand, der erst 1359 durch eine Belagerung gebrochen werden konnte.
Albrecht förderte Delft dann aber sehr. Auch den Bau der "Niuwe Kerk", mit dem 1381 begonnen wurde, unterstützte Albrecht. Die Kirche ist seit der Ermordung des Freiheitskämpfers Wilhelm 1584 die Grablege der Fürsten und Könige aus dem Haus Oranien-Nassau. Werner Schäfer brachte bei stimmungsvoller Orgelmusik gotische Kirchenarchitektur und klassizistische Grabmalkunst nahe.
Hoogheemraadschap
Ausnahmsweise öffnete das Hoogheemraadschap van Delfland, das bereits im 13. Jahrhundert nachweisbare Deichgrafenamt, für die Straubinger Gruppe ihre Pforte. Nach einem Empfang in der beeindruckenden "Albrecht hal" und einem "kopje koffie" führte Archivar G. Klapwijk durch die Wasserbehörde, in der an allen Ecken und Enden, über Turstürzen und Kaminen, in Fenstern und Bildern, sogar auf der Krawatte des Führers, auf den Tassen und den Zuckertütchen die weißblauen Rauten aufleuchten.
Herzog Albrecht I. hatte das Deichgrafenamt mit wichtigen Privilegien ausgestattet, so dass die Behörde bis heute sein Wappen als "Logo" führt - seit
Jahrhunderten gelebte Corporate identity. Archivar Klapwijk hatte sogar eine kleine Ausstellung von mittelalterlichen Urkunden und Amtsbüchern vorbereitet. Nachmittags folgten die Reiseteilnehmer der Geschichte der Jakobäa, der letzten Vertreterin des Geschlechts von Straubing-Holland, die in Brielle und in Oostvoorne Burgen besass. In der Nähe liegt auch die Gemeinde Oud Beijerland, deren Urspung auf die Heirat des Grafen Lamooral von Egmond mit der pfälzischen Wittelsbacherin Sabina im Jahr 1544 zurückzuführen ist. Bürgermeister Bart van der Hart hieß die Gruppe im stimmungsvollen alten Rathaus willkommen. Hier wurde nicht nur die dramatische Zeit der niederländischen Freiheitskämpfe lebendig, sondern die Reisenden erhielten auch eine Lektion in deutscher Literatur: Dr. Dorit Krenn erinnerte an Goethes Drama "Egmont".
Großbrand am Morgen
Ein Großbrand im historischen Stadtzentrum Delfts, nahe der beiden Hotels, sorgte am nächsten Morgen für Aufregung. Es war gut, dass es an diesem Morgen aus dem verqualmten Delft wegging in das sonnige Haarlem. Haarlem war eine wichtige Handelsstadt, in der sich die Herzöge, insbesondere Albrecht I., gerne aufhielten. Albrecht soll hier mit Vorliebe die "Stövchengasse", in der die Prostituierten wohnten, besucht haben. Auch hier förderte er den Bau der Kirche St. Bavo, die mächtig auf dem Stadtplatz trohnt und vom gruppeneigenen Kirchenspezialisten Schäfer engagiert vorgestellt wurde.
Die neugierigen Straubinger erhielten auch Zugang zum Grafensaal des Rathauses, erbaut 1351/1370, in dem sich die berühmte Porträtserie der Grafen von Holland aus dem ehemaligen Karmelitenkloster befindet. In der nächsten Station, dem Haus d'Ever, warteten bereits ein sympathischer Hausherr in der Person des Historikers van der Veen und ein neugieriger Schlosskater. Sie führten durch das mittelalterliche Gebäude, das einem Ritter Albrechts I. gehörte. Beeindruckend war auch das Herumstreifen in der nahegelegenen Schlossruine Teylingen bei glutrotem Abendhimmel. Hier starb 1436 die berühmte Jakoba van Beieren. Nicht fehlen durfte anschließend natürlich ein Abstecher zum Meer. Besuch in Den Haag
Den Haag, die andere "Haupt- und Residenzstadt" des Herzogtums, stand am Mittwoch auf dem Programm. Herzog Albrecht I. wählte das dörfliche "`s-Gravenhage" zu seiner festen Residenz und baute den Binnenhof mit Wirtschaftsgebäuden, Kapelle, Befestigungen weiter aus. Unter seiner Herrschaft entwickelte sich Den Haag zum politischen und kulturellen Zentrum von europäischer Bedeutung.
Auch hier erhielten die Straubinger als "spezielle Gruppe" wieder Zutritt zu ungewöhnlichen Orten. So konnten sie im Binnenhof die Erste Kammer, eine Art Bundesrat, besichtigen, in der ein weiterer berühmter Gemäldezyklus der Grafen von Holland hängt. Besonders wohl fühlte sich die Gruppe im großen Rittersaal, der unter den Herzögen von Straubing-Holland als Fest-, Empfangs- und Gerichtsraum diente und vermutlich Vorbild für den Rittersaal im Straubinger Schloss war. Anschließend ging es über den Gevangenenpoort, urspünglich ein mittelalterliches Stadttor, das Johann III. zu einem Gefängnis ausbauen ließ, zur Klosterkirche. 1403 gründeten Albrecht I. und seine zweite Ehefrau Margaretha von Kleve in der Nähe des Binnenhofs ein Kloster der Dominikaner. Mit dem Kloster entstand der gotische Bau der "Kloosterkerk". Vor allem Adelige förderten das Kloster durch reiche Dotationen, so dass es sich zu einem der mächtigsten Gebäude und beliebtesten Grablegen Den Haags entwickelte.
Die Besichtigung klang passend aus in einem Cembalo- und Flötenkonzert. Nachmittags stromerten die Reiseteilnehmer auf eigene Faust durch die Großstadt, die Romantiker eilten zum Palast der Königin, die Kunstbeflissenen zur berühmten Gemäldegalerie im "Mauritshaus", die Genießer in die Kaffeehäuser und Passagen. Der Tag klang aus im alten Waaggebäude Delfts bei einem gemeinsamen Abendessen. Käsestadt Gouda
Ein Höhepunkt der Reise war sicherlich der Besuch in der bekannten Käsestadt Gouda, deren Gäste die Straubinger einen Tag lang sein durften. Zunächst wurde die Gruppe durch Wedhouder van Huut und den Protokollchef des Rathauses Peter Dekker im Museum "Catharina Gasthuis" mit Kaffee und Sirupwaffeln, einer Spezialität Goudas, empfangen.
Ewoud Mijnlief, Konservator des Museums, führte dann zum wertvollsten Objekt des Stadtmuseums, den "Jakobakelch". Jakobäa hatte ihn der Stadt Gouda vermutlich aus Dankbarkeit für die Unterstützung im Kampf gegen ihren Onkel Johann III. geschenkt. Auch an dieser goldenen Kostbarkeit entdeckten die Straubinger wieder die vertrauten
weißblauen Rauten. Nach einer Stadtführung, bei der unter anderem die Überreste von Jakobäas Burg und das Stadtarchiv besichtigt wurden, ging es zum Rathaus. Hier wartete nicht nur ein Lunch, sondern für Pater Theo Vreeswijk eine besondere Überraschung, ein Aperitif im Trauzimmer, in dem vor fast vierzig Jahren seine Eltern geheiratet hatten. Die Besichtigung der Janskirche mit ihren berühmten Glasfenstern aus dem 16. und 17. Jahrhundert schloss den bild- und erlebnisreichen Tag in Gouda ab. Zurückgekehrt in Delft deckten sich die Reiseteilnehmer auf dem Wochenmarkt noch mit Tulpenzwiebeln, Chrysanthemen, Rosen und natürlich Käse ein.
Über den Kaiserdom zu Aachen kehrten die Straubinger wieder nach Niederbayern zurück, nicht nur beeindruckt von den historischen Überresten des Herzogtums im Norden, sondern auch von der Freundlichkeit und Offenheit der niederländischen Gastgeber. Da über die Straubinger Reisegruppe und ihre Spurensuche im holländischen Rundfunk und in verschiedenen Tageszeitungen berichtet wurde, erfuhr vielleicht der eine oder andere Niederländer Neues über die Geschichte seiner Heimat - und macht sich seinerseits auf den Weg "gen Straubingen". - red -