Neu: "Das Fünfte Evangelium. Krippen im Karmelitenkloster zu Straubing" ist als Beiheft (55. Heft 2005) zum Jahresbericht des Johannes-Turmair- Gymnasiums erschienen. Das 160 Seiten umfassende Heft enthält zahlreiche Farbbilder. Es kostet 11,80 €, kann an der Klosterpforte abgeholt oder per Mail zuzüglich Vesandkosten bestellt werden: karmel.straubing@t-online.de
Siehe auch die ausführliche Buchbesprechung aus dem Straubinger Tagblatt

Eine wiederentdeckte Jesuitenkrippe

Die große Barockkrippe in der Karmelitenkirche zu Straubing

Weihnachtskrippen halten ein faszinierendes Angebot für den Betrachter bereit, sie machen ihn zu Augenzeugen des heiligen Geschehens. Eine solche Zeugenschaft wollte auch der hl. Ignatius, Gründer der Gesellschaft Jesu, also des Ordens, der in der oberdeutschen Provinz der Weihnachtskrippe zu weiter Verbreitung verhalf.
So wundert es nicht, dass die frühe Nachricht über eine Straubinger Krippe aus einer Quelle der Jesuiten stammt, die das Bayerische Hauptstaatsarchiv in München besitzt. Im Bericht über das Jahr 1638 ist die Rede von einer Gestaltung der Weihnachtsgeschichte in einer Höhlenkonstruktion: »An den Festtagen zu Christi Geburt stellten wir die Weihnachtsgeschichte den Augen der Mitbürger dar, indem wir eine Höhle aufbauten. Daneben fand ein Wettstreit zwischen Tugenden und Lastern statt, wobei Buben und Mädchen die Rollen spielten. Die Vorführung gefiel allen Bürgern außerordentlich".
Die Geburtshöhle muss wohl die Hl. Familie enthalten haben, auch wenn dies nicht eigens erwähnt ist; sonst würde ja der Wettstreit ohne geeigneten Hinter­grund, vor einer leeren Höhle ausgetragen.
Diese Nachricht von 1638 ist ein eindeutiger und wichtiger Beleg dafür, wie sehr die "Geistlichen Übungen, das Exerzitienbüchlein des Hl. Ignatius, Einfluss auf Krippendarstellungen und Krippenspiele hatten. Wir lesen dort in der zweiten "Beschauung", dass der Exerzitienteilnehmer sich vorstellen solle, wie Maria im neunten Monat ihrer Schwangerschaft in Begleitung von Josef und einer Magd nach Bethlehem reist, dass er sich ausmalen solle, wie groß, wie klein, wie nied­rig, wie hoch die Höhle der Geburt sei, und sich als kleinen armen Menschen und unwürdiges Knechtlein halten solle, gleich als wäre er zugegen. Es schließen sich die wichtigsten Stationen des Lebens Jesu an, fast wie ein Szenenkatalog für eine Jahreskrippe. Betrachtungen des Kampfes zwischen Gut und Böse sollen die einzelnen Themen abrunden. Es scheint mir, dass wir durch die Straubinger Nachricht den direkten Einfluss der Exerzitienanweisung auf das Krippenge­schehen belegen können.

Karmelitenkloster als Krippendepot

Mindestens fünfmal werden die großen Figuren (Jesuitengröße von 95 -115 cm!), die jetzt an Weihnachten in der Karmelitenkirche zu sehen sind, in den Straubin­ger Jesuitenakten erwähnt; Nachrichten über den Ausfall von Veranstaltungen der Marianischen Männerkongregation wegen Aufstellung der Krippe in der Schutzengelkapelle der Jesuitenkirche etwa 45mal. Über den Verbleib der Figu­ren bei der Ordensaufhebung 1773 ist derzeit aus Akten nichts bekannt. Mit hoher Wahrscheinlichkeit hat sich die Kongregation in Straubing der Figuren, aller vorhandener, großer und kleiner, angenommen. Als das für Straubing durchgreifende Krippenverbot von 1803 erlassen und 1814 die Kongregation ihren Sitz in die Karmelitenkirche verlegte - da die Jesuitenkirche inzwischen verweltlicht und als Magazin verwendet wurde - dürften auch die fraglichen Krippenfiguren mitgewandert sein. Dass dann Präses Johann Baptist Reisinger (1830-1882 in Straubing tätig) aus dem im Karmelitenkloster sich ansammeln­den Fundus in den ersten Jahren nach 1830 wieder einen kleinen Bestand in die erneut als Kongregationskirche verwendete Jesuitenkirche zurückführte, lässt sich mit höchster Wahrscheinlichkeit vermuten, und zwar wegen der im Kloster verbliebenen und heute noch verwendeten Bestandteile von Figuren, Bauten und Zusatzausstattungen. Es ist vielfach die gleiche Provenienz.
Es kamen ausschließlich Köpfe, Hände und Reste von Gliederfiguren auf uns. Von der Existenz solcher alter Figuren berichtete der frühere Krippenbetreuer des Klosters, Frater Konrad Hien, dem Verfasser, ohne dass es zunächst zu einer Besichtigung bzw. Beurteilung kommen konnte, da Frater Konrad am 30. August 1994 verstarb. Er hatte schon von 1979 an versucht, eine Hl. Familie von seinem Vetter Josef Hien, dem berühmten Krippenschnitzer aus Ottobrunn, restaurieren und neu gestalten zu lassen, was sich jedoch aus unbekannten Gründen nicht verwirklichen ließ. Frater Konrads Nachfolger, Frater Bonifatius Dittrich, zeigte den Bestand zunächst Dr. Nina Gockerell und Guido Scharrer, dann auch dem Verfasser. Dass es sich um nichts Alltägliches handelte, war allen klar. Aus intensiver Beschäftigung mit den Jesuitenakten und unter Mithilfe des Stadthei­matpflegers Alfons Huber erwuchs dem Verfasser die Gewissheit, dass die Hände und Köpfe die Reste der oftmals erwähnten Jesuitenkrippe seien.
Der Bestand von insgesamt 44 Köpfen und ebenso viel Paar Händen und einigen Gliederbruchstücken zeigt fünf Hauptgruppen: 19 Köpfe wohl vor 1700, sieben "Apostel" und zwei weitere Männerköpfe und drei jugendliche nach 1700, sie­ben weibliche Köpfe wohl vor 1750; dazu noch vier Einzelstücke, wovon minde­stens zwei von Schnitzfiguren abgetrennt wurden.

Restaurierung der großen Barockfiguren

Im März 1997 fanden Gespräche zwischen Prior Elias Steffen, Frater Bonifatius Dittrich, meiner Frau und mir statt mit dem Ziel, die Krippe wiedererstehen zu lassen. Nach einer ersten Sichtung und Fotodokumentation begannen wir mit der Restaurierung einiger Köpfe und Hände. Meist genügte das vorsichtige Abnehmen der entstellten, bis zu vier Übermalungen, um auf das ursprüngliche Inkarnat zu stoßen, dessen Zustand erstaunlich gut ist. Die so erhaltenen Origi­nale setzten wir auf Holzkörper, an denen biegsame Arme und Beine befestigt wurden. Sämtliche Füße mussten neu geschnitzt werden. Die Draht-Holz-Gebilde wurden mit Tapeziermaterial gerundet und mit Leinen gewickelt. Für alle Kleidungsstücke und Schuhe wurden Schnitte entworfen; für die Kleider nur antike Stoffe, Seiden, Atlasse und Brokate aus dem 18. und 19. Jahrhundert ver­wendet. Besonders für die Hl. Drei Könige, deren Begleiter, die Fahnen und den Verkündigungsengel konnten wir herrliche Handstickereien und Valenciennes­-Spitzen des 18. und 19. Jahrhunderts aus dem Hause der Gräfin Annabertha von Neipperg, Goldborten, Klosterarbeiten und feine Brokate von hoher Qualität aus dem Straubinger Ursulinenkloster verarbeiten - natürlich alles ohne Nähma­schine.
So entstanden für Weihnachten 1998 die Hl. Familie, drei Hirten und eine Magd. Ignatius erwähnt sie in seinem Exerzitienbüchlein. 1999 konnte die Kernkrippe mit einem Verkündigungsengel, einem zweijährigen, stehenden Jesusknaben, den Hl. Drei Königen und drei Begleitern ergänzt werden. Dass einer der Beglei­ter, - der Sterngucker -, ein anachronistisches Fernrohr in der Hand hält, wird man Straubing, Fraunhofers Geburtsstadt, zubilligen. Der schönste König ist zweifellos der Mohr, der mit seinem Pagen ein Zeugnis dafür ablegt, dass in der Krippe kein Platz für Rassismus ist. Die Kleidung der Könige und Begleiter orien­tiert sich an geeigneten Vorbildern: Plastiken und vor allem Gemälden der Barockzeit sowie den zur Verfügung stehenden kostbaren Materialien.
Es gibt nur wenige original gekleidete Großfiguren, da spätere "modische Ver­besserungen" an alten, vielleicht wirklich unbrauchbar gewordenen Gewändern vorgenommen wurden. Zu den wenigen bekannten Originalen zählen einige Figuren aus Mindelheim, wo das Betreuer-Ehepaar Hirle uns großzügig Zugang zu noch unrestaurierten Figuren gewährte, oder aus Steyr, aus Raitenhaslach. Weihnachten 2000 bescherte neben einem Wirt, einer zweiten Marie (als Glie­derfigur zu mehrfacher Verwendung), einem Mädchen und einem Kameltreiber vor allem Tiere: Im Dreiviertelrelief Ochs- und Eselsköpfe für die Hl. Nacht, ein Kamel (Firma Klucker, Oberammergau), einen Esel und drei Schafe - Werkstatt M. Demetz, St. Ulrich) als Vollfiguren. Fassung, Aufzäumung und Ausstattung der Tierfiguren erfolgte ebenfalls nach barocken Vorbildern. Für 2001 wurde die Krippe durch eine Elisabeth und einen Zacharias ergänzt. Weihnachten 2002 vervollständigen drei Weisengel die Krippe.

Gestaltung des Hintergrunds

So sehr wir bemüht waren, uns möglichst an alten Quellen zu orientieren, eine - Höhlenkonstruktion - (1638! ~ schien uns zur vielseitigen Verwendung doch zu ungeeignet. Es entstand ein großes Krippengebäude, das allen Szenen des Weih­nachtsfestkreises als Hintergrund dienen kann. Es ist 2,15 Meter hoch, nimmt die volle Breite des rechten Seitenaltares (Sebastianialtar) ein und steht auf einem geräumigen Podest mit Stufen, Gewölbe und Zusatzteilen. Es stellt ein brüchiges Gebäudestück des Hauses David dar, das im Stall von Bethlehern seine grundlegende Erneuerung erfährt. Am linken Pilaster ist dreimal der Granatapfel zu sehen. Er, bzw. der Granatapfelhain, ist im Hohen Lied der Liebe ein Symbol für die Schönheit der Braut, für Liebe, Friede und brüderliche Zusammenarbeit. Die Granatapfelblüte fand sich auch am Kleid des Hohenpriesters.
Mit dem ersten Adventsonntag beginnt jeweils die Reihe der möglichen Szenen: Verkündigung an Maria, Begegnung mit Elisabeth, Herbergssuche, Hirtenanbe­tung, Königsanbetung und Flucht nach Ägypten.
Wie in den Straubinger Jesuitendiarien nachzulesen, wird auch diese Krippe durch Nadelbäume vom Altarhintergrund abgegrenzt. Die große Krippe in Straubing, von den Jesuiten aufgebaut, lange Zeit verboten und verkannt, von den Karmeliten bewahrt und erneut gefördert, dürfte die der­zeit einzige bekleidete, großfigurige Barockkrippe in Niederbayern sein.